Sie kennen diese Momente. Das Projekt ist evaluiert, die Zahlen stimmen, aber wer kommuniziert den Erfolg? Im Videocall mit der Partnerorganisation fragt die Leiterin: „Warum erfahren die Menschen hier nicht, was wir erreichen?" Und beim Schreiben des Budgetantrags spüren Sie, wie die politische Rückendeckung bröckelt.
I. Was Entwicklungszusammenarbeit wirklich leistet
Bevor wir über Kürzungen reden, sollten wir über Wirkung reden. Denn die ist beeindruckend, wenn man sie kennt.
Seit 1990 hat sich die weltweite Kindersterblichkeit mehr als halbiert: von 12,5 Millionen Todesfällen bei Kindern unter fünf Jahren auf rund fünf Millionen.
Jedes Jahr erleben 7,5 Millionen Kinder mehr ihren fünften Geburtstag, dank Impfprogrammen, Ernährungshilfen und dem Ausbau von Gesundheitssystemen, die auch aus deutscher EZ mitfinanziert werden.[16]
Wie es aussieht, wenn deutsche Innovation auf afrikanische Eigenständigkeit trifft, zeigt das Beispiel BioNTech. Die Mainzer Firma eröffnete im Dezember 2023 in Kigali, Ruanda, die erste mRNA-Produktionsstätte Afrikas. Mit Unterstützung der Impfstoffallianz CEPI werden dort Vakzine gegen Malaria, Tuberkulose, Mpox und HIV entwickelt und produziert, in Afrika, für Afrika. Bisher muss der Kontinent 99 Prozent aller Impfstoffe importieren. Die Fabrik in Kigali soll dazu beitragen, dass Afrika bis 2040 sechzig Prozent seines Impfstoffbedarfs selbst decken kann.[23]
Ein anderes Beispiel ist „Energising Development": Das GIZ-Programm hat 34 Millionen Menschen Zugang zu moderner Energieversorgung verschafft. 23 Millionen Menschen haben eine berufliche Ausbildung absolviert, und 35.400 Schulen und Gesundheitszentren erhielten einen Stromanschluss.[18] Die Kosten pro erreichter Person: gerade mal 19 Euro.
In der Elfenbeinküste versorgt das erste Solarkraftwerk des Landes 150.000 Menschen mit sauberem Strom, finanziert durch die KfW.[19] In Marokko wird das größte Solarkraftwerk Afrikas künftig 1,3 Millionen Menschen versorgen, ebenfalls mit deutscher Finanzierung.[20]
Die KfW-Entwicklungsbank evaluiert systematisch: 85 Prozent aller geprüften Projekte werden als erfolgreich eingestuft, im Energiesektor sind es sogar 93 Prozent.[22] Sie ermöglichen Menschen in ärmeren Ländern eine selbstbestimmtere Zukunft.
Doch genau die steht auf dem Spiel.
II. Der stille Rückzug
Drei Jahre Kürzungen haben 12,2 Milliarden auf rund 10,1 Milliarden Euro reduziert. Der Etat des BMZ ist um 21 Prozent geschrumpft, und der Haushaltsentwurf für 2027 setzt die Kürzungsserie erneut drastisch fort: weitere rund 600 Millionen Euro weniger. Entwicklungszusammenarbeit, die Stabilität, Sicherheit, Märkte und Zukunft schafft, kämpft um ihre Existenz.
Eine unmittelbare Konsequenz für Deutschland: Wir sind eher für Kürzungen bekannt als für Taten und Ergebnisse – ein Ruf, der uns zuletzt auch Stimmen für den UN-Sicherheitsrat gekostet hat.
Deutschland steht mit diesem Rückzug nicht allein. Die weltweite Entwicklungszusammenarbeit erlebt 2025 den stärksten Einbruch ihrer Geschichte: Die Mittel der OECD-Geberländer sind um 23 Prozent gefallen, von 215 auf 166 Milliarden Dollar.[25] 26 von 34 Geberländern haben gekürzt, unter ihnen alle fünf größten: USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Japan. Allein die USA tragen drei Viertel des globalen Rückgangs.
„So einen plötzlichen und drastischen Rückgang der Entwicklungsleistungen von einem Jahr auf das andere hat es in der Geschichte noch nie gegeben."
— Carsten Staur, Vorsitzender des OECD-Entwicklungsausschusses (DAC), April 2026[26]Paradoxerweise ist Deutschland dadurch zum weltweit größten Geber geworden, mit 29,1 Milliarden Dollar knapp vor den USA.[25] Der Titel täuscht. Er ist weniger Ausdruck deutscher Stärke als amerikanischer Selbstdemontage. Und die OECD rechnet für 2026 mit einem weiteren Rückgang um 5,8 Prozent.
Hinter all diesen Zahlen steht eine Frage, die Menschen in den reichen Ländern sich stellen: „Was bringt uns das eigentlich?"
III. Die erste Wahrnehmungslücke
Wenn Sie Bekannte fragen, wie viel Deutschland für Entwicklungszusammenarbeit ausgibt, hören Sie Schätzungen wie: „Bestimmt zehn Prozent des Haushalts." Tatsächlich sind es 0,67 Prozent.[1] Die Wissenslücke wundert wenig: Nur ein Drittel der Bevölkerung fühlt sich über Entwicklungspolitik gut informiert.[2] Zwei Drittel nicht.
Woran liegt das? Der Wandel der vergangenen 30, 40 Jahre von wohltätiger Hilfe zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit ist nicht angekommen. Deutsche Bürgerinnen und Bürger glauben immer noch, es gehe um Geschenke an ferne Länder. Dass Partnerländer längst Märkte sind und keine Almosenempfänger, scheint unbekannt. Dass Mittel als Kredite zurückfließen, dass Peru Aufträge über 100 Millionen Euro an deutsche Unternehmen vergibt, dass KfW-Klimaprojekte jährlich 38 Millionen Tonnen CO₂ einsparen, all das erzählt niemand. Jedenfalls nicht so, dass es genügend Leute verstehen.[9]
Afrikas Mittelschicht hat sich in drei Jahrzehnten verdreifacht. Deutschlands Exporte dorthin sind seit 2000 von 10 auf 28,7 Milliarden Euro gestiegen.[7] Eine Studie der Universität Göttingen zeigt: Im Zeitraum 2013 bis 2023 erhöhte die deutsche Entwicklungszusammenarbeit die Warenexporte um durchschnittlich 7,9 Milliarden Euro pro Jahr. Dieser Effekt sichert 139.000 Arbeitsplätze in Deutschland, mehr als in der gesamten deutschen Stahlindustrie.[6]
Allein die GIZ vergab 2023 Aufträge im Wert von fast zwei Milliarden Euro, die zu 80 Prozent über deutsche Firmen abgewickelt wurden. Entwicklungspolitik ist Mittelstandsförderung.
Und sie ist Innovationstreiber. Energiepartnerschaften für grünen Wasserstoff, Diversifizierungen bei Lithium und Kobalt geschehen im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit. Wer hier kürzt, kürzt seine eigene Zukunft.
Es gibt also eine Antwort auf die Frage „Bringt uns das eigentlich was?". Sie lautet: Ja, womöglich profitieren wir am meisten.
IV. Die Kosten der Kürzungen
Diese Antwort kennt kaum jemand, oder man glaubt sie nicht. Darum wird gekürzt. Von 2022 bis 2024 ist die Befürwortung von EZ-Ausgaben um 21 Prozentpunkte gesunken.[2] Die Entscheidung der Bundesregierung, am Etat zu sparen, findet ein Großteil der Wählerinnen und Wähler richtig.
Wer sich ein bisschen auskennt, weiß: Die Streichungen kosten Menschenleben.
Allein die Kürzungen beim Globalen Fonds könnten bis 2029 zu zusätzlichen 11,7 Millionen Infektionen führen, in deren Folge bis zu 650.000 Menschen sterben. Weil die Mittel zur Ausrottung der Kinderlähmung innerhalb von zwei Jahren zur Hälfte gestrichen wurden, bleiben 2,8 Millionen Kinder ungeimpft.
Wie konkret die Folgen aussehen, zeigt der aktuelle Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo: Seit Anfang 2026 breitet sich das Bundibugyo-Virus rapide aus – begünstigt durch den Wegfall wichtiger Gesundheits- und Krisenreaktionskapazitäten infolge der massiven USAID-Kürzungen. Die WHO hat den Ausbruch am 17. Mai 2026 zum internationalen Gesundheitsnotfall erklärt. Mehr als 1.200 Verdachts- und Infektionsfälle sowie über 260 Todesfälle wurden bis Ende Mai gemeldet; das Virus hat bereits die Grenze nach Uganda überschritten.[27] Die Epidemie ist eine globale Bedrohung – und ein Beleg dafür, dass Kürzungen bei der Gesundheitsvorsorge Epidemien auslösen, die am Ende alle treffen.
„Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe erhalten aktuell eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Einerseits hat dies das Potenzial, mehr Raum für eine sachliche Auseinandersetzung mit einer wichtigen Thematik zu schaffen, andererseits birgt es die Gefahr einer zunehmend populistischen Debatte."
— Prof. Dr. Jörg Faust, Direktor DEval, Oktober 2024[24]Die Lücke zwischen den Erfolgen der Entwicklungszusammenarbeit und deren Wahrnehmung in der Bevölkerung ist groß. Viel größer sind die Folgen. Menschen sterben, politische Handlungsräume schrumpfen, Demokratie ist gefährdet.
- Unsichtbare Entwicklungszusammenarbeit wird angreifbar und austauschbar.
- Vertrauen, aufgebaut auf langfristiger Zusammenarbeit, erodiert.
- Wählerinnen und Wähler, die nicht wissen, dass Frieden, Sicherheit und Arbeitsplätze von globaler Stabilität abhängen, unterstützen Parteien, die jegliche Stabilität zerstören.
- Politische Entscheidungsträger treffen Entscheidungen, die alle teuer zu stehen kommen.
V. Unsere Wahrnehmungslücke in den Projektländern
Neben dem Informationsdefizit hierzulande gibt es ein zweites von globalem Ausmaß – in den Projektländern selbst. Der Rückzug westlicher Geber, allen voran die Zerschlagung von USAID, hinterlässt ein Vakuum, das China und Russland füllen – nicht nur mit Infrastruktur und Waffen, sondern mit Narrativen.
Afrobarometer R6–R10 · Gallup World Poll 2014–2025
Vertrauen in globale Mächte in Afrika
Anteil der Afrikaner, die den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der jeweiligen Macht positiv bewerten — 38 Länder, ~51.000 Befragte.
Hinweis: Werte schätzungsweise auf Basis veröffentlichter Aggregatdaten; länderspezifische Abweichungen möglich. China ▲+4 Russland ▲+3 Deutschland ▼−6 EU ▼−12 Frankreich ▼−24 USA ▼−4
China konzentriert seinen Einsatz auf technische Infrastruktur: Straßen, Fabriken und Kraftwerke, die jeder sieht. Deutschland dagegen baut Kapazitäten oft in unauffälligeren Bereichen wie Agrarökologie oder Friedensarbeit auf.
Russland konzentriert sich neben militärischer Hilfe auf professionell organisierte Desinformationskampagnen. Etwa die Hälfte aller Social-Media-Netzwerke in Burkina Faso, Mali und Niger werden von kremlnahen Akteuren kontrolliert.[10]
„Wir werden mit alternativen Fakten und manipulierten Bildern gefüttert. Das erleichtert die Verbreitung von Desinformation und sät Zwietracht. Das sind gefährliche Entwicklungen."
— Ghanas Präsident Mahama vor der UN-Vollversammlung, 2025Fake News beeinflussen Bevölkerung und Machthabende. Die Regierungen von Mali und Burkina Faso haben europäische Nichtregierungsorganisationen ausgewiesen.
„Fehlinformationen und Desinformationen können erhebliche Auswirkungen auf unsere humanitäre Arbeit haben und negative Folgen für die Menschen, denen wir helfen."
— Lazare Zoungrana, Generalsekretär des Burkinischen Roten Kreuzes[15]Vor allem Russland verbreitet Propaganda über lokale Radiosender und Netzwerke in sozialen Medien. Sie sabotieren Malaria-Impfprogramme westlicher Länder.[12]
400 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner nutzen Social Media, 84 Prozent von ihnen beziehen darüber Nachrichten.[13][14] Wer diesen Umstand ignoriert, leistet Lügen Vorschub. Wer dort kommuniziert, setzt Themen, beeinflusst öffentliche Debatten und erzeugt Zustimmung.
Kann deutsche EZ das? Die Chancen stehen gut. Die Qualität chinesischer Infrastruktur wird von lokalen Gemeinschaften zunehmend hinterfragt: An Ugandas Isimba-Wasserkraftwerk wurden bereits 584 Mängel dokumentiert, Kilamba, Angolas Vorzeigemodellstadt, beginnt nach nur zehn Jahren zu zerfallen.
Deutsche Entwicklungszusammenarbeit macht einiges besser: Lokale Beteiligte werden ab Beginn der Projektplanung eingebunden, als Mitgestaltende und nicht nur als Empfänger. Projekte mit lokaler Beteiligung erzielen nachweislich höhere Akzeptanz und nachhaltigere Wirkung.
Was fehlt, sind kluge, reichweitenstarke Aufklärungskampagnen in sozialen Medien. Kampagnen, die die Sprache der lokalen Gemeinschaften sprechen, die Stärken und langfristigen Effekte deutscher Projekte bekannt machen und Desinformation schnell als das entlarven, was sie ist: Lügen.
Das Erzählproblem ist lösbar. Reden wir.
Deutschland hat kein Wirkungsproblem, sondern ein Erzählproblem. Und das ist lösbar — nicht in fünf Jahren, sondern jetzt. Wir sind schon dabei. Melden Sie sich gerne, dann besprechen wir, was wir gemeinsam ändern können.
Arbeitet an der Schnittstelle von strategischer Kommunikation und internationaler Zusammenarbeit.
erzaehlproblem@posteo.deLeitet MiCT, eine gemeinnützige Organisation für Medienentwicklung in Krisenregionen.
klaas@mict-international.org